200 Tage Bürgermeister

Nachgefragt von Maria Weininger

Uli Proske auf der Treppe sitzend vor dem Ebersberger Landratsamt

„Meine Rolle ist die eines Moderators: Leute für ein gemeinsames Gespräch an einen Tisch bringen. Lösungen suchen und die dann, nach Vorgaben aller Vorschriften, voranbringen.“

Foto: Christian Endt , Ebersberg

Weininger: Uli, Du bist nun 200 Tage im Amt als Ebersbergs Bürgermeister. Wie kann man sich Deinen Alltag vorstellen?

Proske: Ich wurde sofort nach Dienstantritt mit vielen Ebersberger Belangen konfrontiert, mit einer Reihe sehr großer Projekte und mit den eher kleinen Anliegen. Zu den großen Themen gehören das Baugebiet Friedenseiche 8, der städtebauliche Wettbewerb am Hölzerbräugelände, die Bebauung im Augrund oder Verkehrskonzepte. Dazu kommen die täglichen Fragen und Bedürfnisse: Wo kommt eine Parkbank hin? Ist die Beleuchtung am Marktplatz zu dunkel oder vielleicht zu hell? Ist der Laubbläser zu laut? Eben alles, was die Menschen beschäftigt. Die Breite der Themen kann man sich kaum vorstellen.

 

Weininger: Also kein Schonraum für den Bürgermeister-Neuling?

Proske: Das geht tatsächlich von Null auf Hundert. Die Themen verfolgen einen in der ersten Zeit bis in die Nacht. Irgendwann habe ich aber gemerkt, dass ich nicht alleine auf der Welt bin. Da gibt es auch noch meine Familie, meine Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter in der Verwaltung, die SPD-Parteikollegen und auch die Mitglieder der anderen Parteien. Man kann reden, man fühlt sich unterstützt und die Entscheidungen werden ja dann schließlich in den unterschiedlichen Gremien getroffen. Was die Sache aber sehr interessant macht: Man kann natürlich als Bürgermeister die eine oder andere Richtung vorgeben.

 

Weininger: Wie kann man sich das vorstellen?

Proske: Die Möglichkeiten sind schon begrenzt. Man kann aber die Geschwindigkeit steuern, mit der man eine Sache vorantreibt und hat Möglichkeiten durch die strategische Herangehensweise. Im Bauvorhaben Friedenseiche 8 versuche ich zum Beispiel die Sache proaktiv anzugehen, mit den Betroffenen und mit Ausschüssen zu reden und die Entscheidungen dann aber schnell in die Entscheidungsgremien zu geben. Damit was vorwärts geht.

 

Weininger: Stichwort „Friedenseiche 8“, ein heißes Eisen. Es gibt hier vermutlich unversöhnliche Sichtweisen. Demjenigen, der dringend eine Wohnung braucht, kann es nicht schnell genug gehen. Derjenige, die vor der eigenen Türe keine Bebauung will, würde das Bauvorhaben vermutlich am liebsten ganz verhindern.

Proske: Diejenigen, die dort wohnen, wollen nicht unbedingt verhindern. Sie stehen auf dem Stadtpunkt: Es ist hier ein besonders schöner Fleck und es soll darum auch eine schonende Bebauung geben. Und so äußern sie auch ihre Zweifel.

 

Weininger: Konnte man diese Zweifel mittlerweile beseitigen?

Proske: Wir haben bereits intern einen Stand erarbeitet, aber es laufen immer noch Anhörungen. Es ist darum noch ein laufender Prozess und es gibt noch keinen Konsens. Wir wollen alle Betroffenen an der Diskussion beteiligen. Dazu gehört auch eine Sitzung im Februar 2021. Kürzlich haben wir in einer nichtöffentlichen Sitzung den neuen Stadträten die Möglichkeit gegeben, sich mit der Sache ausführlich zu befassen. Danach müssen wir den bestmöglichen Kompromiss finden. Bis Mitte 2021 wäre ich gerne soweit, dass der Bebauungsplan rechtskräftig werden kann, wie auch immer der Kompromiss aussehen wird.

 

Weininger: Nun macht die Pandemie sie Diskussionen nicht einfacher.

Proske: Das sehen ich nicht als großes Problem. Mittlerweile sind wir in Video- und Telefonkonferenzen gut eingespielt, und am mobilen Arbeitsplatz zu Hause geht die Arbeit sowieso weiter. Die Verwaltung schnurrt da ohne Einbußen.

 

Weininger: Für uns Bürger gibt es bedingt durch Corona durchaus eine Distanz zur Verwaltung. Man steht momentan vor verschlossenen Türen. Einlass gibt es nur nach telefonischer Terminvereinbarung. Per Telefon den Ansprechpartner zu erreichen, ist nicht einfach. Müssen wir uns daran gewöhnen, dass unser Rathaus etwas von seiner Offenheit einbüßt?

Proske: In diesem Punkt haben wir tatsächlich ein Problem mit unserer neuen Telefonanlage. Wenn unsere Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter telefonieren, gibt es für Anrufer kein Belegt-Zeichen und auch keine Ansage mehr. Das werden wir hoffentlich bald in den Griff bekommen. Zur Sache mit dem geschlossenen Rathaus: Zum Zeitpunkt, als die Infektionsrate in den roten Bereich kam, mussten wir zum Schutze unserer Mitarbeiter die persönlichen Kontakte reduzieren. Die Leute waren damit irritiert, und die Information auf unserer Internetseite hat wahrscheinlich nicht ausgereicht. Da haben wir mittlerweile nachgebessert. Solange wir „Rot“, also einen Inzidenzwert von mehr als 50 haben, bleibt das Rathaus zu.

 

Weininger: Zurück zu Deiner Person. Wie siehst Du Deine Rolle als Bürgermeister der Stadt?

Proske: Meine Rolle ist die eines Moderators: Leute für ein gemeinsames Gespräch an einen Tisch bringen. Lösungen suchen und die dann, nach Vorgaben aller Vorschriften, voranbringen.

 

Weininger: Gibt es für Bürgerinnen und Bürger das „Rote Telefon“ zum Bürgermeister?

Proske: Man landet natürlich erst einmal beim Vorzimmer. Aber jeder kann anrufen, und wenn ich anwesend bin, wird die Person auch durchgestellt. Ansonsten wird ein Termin vereinbart. Es gibt eine Bürger-Sprechstunde am Freitagnachmittag. Damit man aber nicht gleichzeitig mit 20 anderen Leuten vor meiner Türe wartet, ist es sinnvoll, einen Termin zu vereinbaren. Bei Bedarf gibt es auch einen Termin außerhalb dieser Zeit. Zur Not kann man mir noch auf meinem Weg vom Rathaus zum Doktorbankerl auflauern.

 

Weininger: Soll ich das wirklich so schreiben?

Proske: Das ist ja sowieso so. Manchmal brauche ich für meinen Heimweg eine Dreiviertelstunde. Mir sind diese Gespräche wahnsinnig wichtig. Manchmal ist man so sehr in seinen Aufgaben vertieft, dass man das, was außerhalb des Rathauses stattfindet, nicht mehr wahrnimmt. Man muss als Bürgermeister die Probleme der Bürger kennen.

 

Weininger: Ist Corona vorbei, dann stehen auch wieder die Sonntagsspaziergänge mit Uli Proske auf dem Programm.

Proske: Auf jeden Fall. Das hat mir im Frühjahr 2020 unheimlich Spaß gemacht. Und ich werde immer wieder gefragt, wann das wieder stattfindet. Die Leute wollen nicht in Hinterzimmern informiert werden. Die wollen vor Ort sein. Und auch ich will mich draußen blicken lassen.

 

Weininger: So, und nun hast Du noch das letzte Wort in diesem Interview.

Proske: Kopf hochhalten, gesund bleiben und gleichzeitig die wenigen sozialen Kontakte, die uns bleiben, nutzen.

 

Das Interview führte Maria Weininger (18. Dezember 2020, veröffentlicht am 5. Januar 2021)